und warum wir heute anders leben als früher
Vier Jahre Schweden, ein paar Umzüge und ein Leben mitten in der nordischen Natur. Was zunächst nur ein neues Zuhause werden sollte, hat mit der Zeit auch uns selbst verändert.
Als wir im Oktober 2022 nach Schweden auswanderten, wussten wir, dass sich unser Leben verändern würde. Eine neue Sprache, ein anderes Land, ein neues Zuhause und natürlich ein völlig anderer Alltag.Was wir damals allerdings nicht ahnten: Nicht nur unser Leben würde sich verändern, sondern auch wir selbst.
Heute, vier Jahre später, merken wir immer wieder, wie sehr uns Schweden geprägt hat. Manchmal sind es ganz banale Dinge, über die wir selbst lachen müssen. Manchmal Veränderungen, die viel tiefer gehen und die man kaum in Worte fassen kann.
Dabei ist das alles nicht von heute auf morgen passiert. Es war ein schleichender Prozess, den wir oft erst bemerken, wenn wir unser heutiges Leben mit dem früheren vergleichen.
Wenn sich fünf Grad plötzlich warm anfühlen.
Eine der offensichtlichsten Veränderungen ist unser Temperaturempfinden. Früher haben wir bei Temperaturen, bei denen wir heute noch ganz selbstverständlich im T-Shirt draußen stehen, längst die Winterjacken hervorgeholt. Heute fühlt sich ein Tag mit zehn Grad im Frühjahr manchmal schon beinahe sommerlich an. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir inzwischen ganz andere Temperaturen gewohnt sind.
Während wir in Småland bereits deutlich kältere Winter als in unserer alten Heimat erlebten, hat sich unser Empfinden seit dem Umzug nach Nordschweden noch einmal verändert. Hier gehören zweistellige Minusgrade im Winter zum Alltag. Wenn das Thermometer auf minus 25 oder sogar minus 30 Grad fällt, bekommt der Begriff Kälte eine völlig neue Bedeutung. Natürlich frieren wir trotzdem und selbstverständlich ziehen wir uns bei solchen Temperaturen entsprechend an. Aber unsere persönliche Vorstellung davon, was kalt ist, hat sich komplett verschoben. Manchmal müssen wir selbst darüber schmunzeln, wie selbstverständlich wir inzwischen mit Temperaturen umgehen, bei denen wir früher vermutlich kaum freiwillig vor die Tür gegangen wären.
Allein leben, ohne einsam zu sein
Eine Veränderung, die sich viel schwerer beschreiben lässt, betrifft unsere innere Einstellung. Wir leben heute deutlich abgeschiedener als früher. Unser Alltag ist ruhiger geworden, und wir verbringen viel Zeit als Familie oder einfach für uns.
Aber das bedeutet nicht, dass wir einsam sind.
Ganz im Gegenteil.
Wir haben festgestellt, dass wir immer weniger das Bedürfnis haben, ständig etwas unternehmen zu müssen oder von Menschen umgeben zu sein. Früher war ein freier Tag vielleicht eher mit dem Gedanken verbunden, etwas erleben zu wollen. Heute kann es für uns genauso schön sein, einfach zu Hause zu bleiben. Draußen fällt Schnee, irgendwo knistert ein Feuer, und wir genießen es, dass gerade nichts Besonderes passiert.
Vielleicht haben wir gelernt, Stille anders wahrzunehmen.
Nicht als etwas, das gefüllt werden muss, sondern als etwas, das uns guttut. Wir mögen Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Unternehmungen nach wie vor. Aber wir brauchen sie nicht mehr ständig, um das Gefühl zu haben, dass unser Leben erfüllt ist. Wir leben zurückgezogener, aber nicht einsamer. Ruhiger, aber nicht langweiliger. Vielleicht ist das eine der größten Veränderungen überhaupt: Wir sind ein Stück weit mehr bei uns selbst angekommen.
Draußen sein ist keine Frage des Wetters mehr
Früher haben wir unsere Unternehmungen viel stärker vom Wetter abhängig gemacht. Heute ist das anders. Wir grillen auch bei minus 20 Grad draußen, sitzen am Feuer, gehen im Schnee spazieren und verbringen Zeit in der Natur, obwohl es längst dunkel ist. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, ist für uns inzwischen aber völlig normal.
Natürlich gibt es auch hier Wetterbedingungen, bei denen man besser drinnen bleibt zum Beispiel bei einem eisigem Schneesturm. Aber grundsätzlich hat sich unsere Einstellung verändert. Wir warten nicht mehr darauf, dass das Wetter perfekt ist. Wir passen uns ihm an. Warme Kleidung, ein Feuer, eine Thermoskanne mit etwas Heißem und schon kann aus einem gewöhnlichen Winterabend ein wunderschöner Moment werden.
Gerade im Norden haben wir gelernt, dass man nicht mehrere Monate im Jahr darauf warten kann, dass es endlich wieder warm wird. Denn dann würde man einen großen Teil des Lebens verpassen. Schließlich leben wir hier, wo es normal ist ein halbes Jahr Winter zu haben.
Auch auf unseren Tellern ist Schweden angekommen
Nicht nur unser Alltag, auch unsere Ernährung hat sich verändert. Wir kochen nach wie vor viele Gerichte, die wir schon aus Deutschland kennen. Gleichzeitig sind immer mehr schwedische und nordische Spezialitäten Teil unseres Familienalltags geworden.
Besonders seit unserem Umzug in den hohen Norden begegnen uns Lebensmittel und Gerichte, die in Südschweden weniger selbstverständlich zu unserem Alltag gehörten. Rentier und Elch beispielsweise sind hier keine exotischen Besonderheiten, sondern gehören zur regionalen Esskultur ganz normal dazu.
Auch Fisch, Beeren und traditionelle nordschwedische Gerichte haben für uns eine ganz andere Bedeutung bekommen. Wir lieben es, neue Lebensmittel kennenzulernen und regionale Spezialitäten auszuprobieren. Dabei geht es uns nicht nur um den Geschmack. Essen erzählt immer auch etwas über die Menschen, die Landschaft und die Geschichte einer Region. Irgendwie haben wir auch gelernt unsere Nahrung wieder mehr zu schätzen zu lernen.
Gerade im Norden ist die Verbindung zwischen Natur, traditionellen Lebensweisen und Ernährung an vielen Stellen noch deutlich spürbar. So hat sich unser Speiseplan mit den Jahren ganz von selbst verändert.
Ein anderes Gefühl von Freiheit
Vielleicht ist es dieses Gefühl von Freiheit, das unser Leben in Schweden am stärksten prägt. Damit meinen wir nicht, dass man hier keine Verpflichtungen hätte oder der Alltag immer einfach wäre. Auch in Schweden gibt es Termine, Rechnungen, Sorgen und Tage, an denen einfach alles schiefläuft.
Aber wir erleben Freiheit heute anders.
Sie bedeutet für uns nicht unbedingt, möglichst viel unternehmen oder möglichst weit reisen zu können. Manchmal bedeutet sie einfach, die Haustür zu öffnen und mitten in der Natur zu stehen. Ohne großen Aufwand draußen sein zu können. Einen Spaziergang durch den Wald zu machen, am Feuer zu sitzen oder abends spontan nach den Nordlichtern Ausschau zu halten. Eben: Einfachheit.
Wir brauchen dafür keine besonderen Anlässe. Diese Dinge gehören inzwischen zu unserem Leben. Vielleicht ist das der Unterschied: Was früher ein Ausflug oder ein besonderes Erlebnis gewesen wäre, ist heute ein ganz gewöhnlicher Teil unseres Alltags. Wir haben gelernt, weniger zu brauchen.
Mit den Jahren hat sich auch unser Blick darauf verändert, was einen schönen Tag ausmacht. Es muss nicht immer ein großes Erlebnis sein. Manchmal reicht ein Spaziergang, ein gutes Essen, ein gemeinsamer Abend oder ein Himmel voller Sterne. Wir haben nicht aufgehört, neugierig zu sein. Im Gegenteil: Wir entdecken unglaublich gerne neue Orte, reisen, besuchen Veranstaltungen und lernen Menschen und ihre Geschichten kennen. Aber wir haben gelernt, dass wir nicht ständig etwas erleben müssen, um zufrieden zu sein.
Aber es fühlt sich in vielen Momenten bewusster an.
Sind wir inzwischen schwedischer geworden?
Manchmal fragen wir uns tatsächlich, ob wir mit den Jahren ein bisschen schwedischer geworden sind. Nicht unbedingt, weil wir bestimmte Gewohnheiten übernommen haben oder inzwischen andere Lebensmittel essen. Sondern weil sich unsere Einstellung zum Leben verändert hat.
Wir sind ruhiger geworden. Genießen unsere Privatsphäre mehr. Können besser mit Stille umgehen und empfinden die Natur nicht mehr nur als Ausflugsziel, sondern als einen selbstverständlichen Teil unseres Lebens. Natürlich kann man das nicht pauschal allen Schweden zuschreiben. Menschen sind überall unterschiedlich. Aber die Lebensweise, die wir hier kennengelernt haben, hat uns beeinflusst. Vielleicht haben wir in Schweden auch einfach einen Alltag gefunden, der besser zu uns passt.
Zwischen zwei Kulturen, unsere ganz eigenen Traditionen
Mit unserem Leben in Schweden haben sich auch unsere Feste und Traditionen verändert. Denn wir haben nicht einfach die deutschen Bräuche gegen schwedische ausgetauscht. Vielmehr ist über die Jahre eine ganz eigene Mischung aus beiden Kulturen entstanden.
Wir feiern weiterhin die Feste, die uns schon in Deutschland begleitet haben und mit denen wir schöne Erinnerungen verbinden. Denn gleichzeitig möchten wir, dass unsere Kinder ihre Herkunft kennen und die Traditionen dort. Gleichzeitig haben schwedische Traditionen wie Midsommar, Lucia oder das gemütliche Fika längst ihren Platz in unserem Familienleben gefunden. Auch Weihnachten erleben wir heute mit Einflüssen aus beiden Ländern.
Gerade mit Kindern finden wir es wunderschön, dass sie mit zwei Kulturen aufwachsen und sich aus beiden das mitnehmen können, was ihnen gefällt. Manche Traditionen haben wir übernommen, andere ein wenig verändert und wieder andere ganz neu für uns entdeckt. Dabei geht es uns gar nicht darum, möglichst schwedisch zu leben oder unsere deutschen Wurzeln hinter uns zu lassen. Beides gehört inzwischen zu uns.
Eines der schönsten Dinge am Auswandern: Man muss sich nicht zwischen zwei Kulturen entscheiden. Man darf aus beiden etwas mitnehmen und daraus seine ganz eigenen Familientraditionen entstehen lassen. Unsere Heimat ist heute Schweden. Aber unsere Geschichte begann in Deutschland. Beides darf seinen Platz in unserem Leben haben.
Vier Jahre später und immer noch wir selbst
Wenn wir heute zurückblicken, sehen wir nicht nur vier Jahre in einem anderen Land. Wir sehen, wie sich unsere Gewohnheiten verändert haben, wie wir neue Dinge lieben gelernt haben und wie sich unsere Vorstellungen von einem erfüllten Leben verschoben haben.
Wir sind noch immer dieselbe Familie, die im Oktober 2022 mit großen Hoffnungen nach Schweden aufgebrochen ist. Wir lachen über dieselben Dinge, haben unsere Eigenheiten und natürlich auch unsere schlechten Tage.
Aber wir haben uns verändert.
Nicht, weil Schweden uns zu anderen Menschen gemacht hätte. Sondern weil dieses Leben Seiten an uns zum Vorschein gebracht hat, für die früher vielleicht weniger Raum war. Wir sind nicht ausgewandert, um andere Menschen zu werden. Aber irgendwo zwischen den Wäldern, den langen Wintern und der Stille des Nordens haben wir ein bisschen mehr zu uns selbst gefunden.