wenn das Leben bei minus 30 Grad weitergeht
Meterhohe Schneeverwehungen, klirrende Kälte, tanzende Nordlichter und eingefrorene Wasserleitungen. Wie sich ein echter Winter im hohen Norden Schwedens anfühlt und warum er manchmal ebenso herausfordernd wie wunderschön ist.
Wer an einen Winter in Schwedisch-Lappland denkt, hat vermutlich sofort Bilder von tief verschneiten Wäldern, gemütlichen roten Holzhäusern und Nordlichtern vor Augen.
Und tatsächlich: All das gibt es hier.
Wenn die Landschaft unter einer dicken Schneedecke verschwindet, die Bäume aussehen, als hätte jemand sie mit Puderzucker überzogen, und der Himmel in den schönsten Blau- und Rosatönen leuchtet, fühlt sich der Norden manchmal an wie eine andere Welt.
Doch was auf Fotos unglaublich romantisch aussieht, ist für die Menschen, die hier leben, vor allem eines: Alltag. Dieser Alltag kann bei Temperaturen von minus 20 oder minus 30 Grad durchaus seine Herausforderungen mit sich bringen. Seit unserem Umzug nach Nordschweden haben wir gelernt, dass ein richtiger Winter weit mehr bedeutet, als morgens eine dicke Jacke anzuziehen.
Wenn minus 20 Grad ganz normal werden
In Deutschland haben wir uns früher schon über ein paar Zentimeter Schnee gefreut und sobald das Thermometer deutlich unter null fiel, fühlte sich das nach einem richtig strengen Winter an. Naja, zumindest wir in NRW wurden nicht grade mit reichlich Schnee beschenkt.
Heute sieht das ein wenig anders aus.
Hier im Norden können die Temperaturen im Winter auf minus 20, minus 25 oder sogar unter minus 30 Grad sinken. Das Verrückte daran: Das Leben geht trotzdem weiter. Die Kinder gehen zur Schule, Menschen fahren zur Arbeit, erledigen ihre Einkäufe und gehen mit ihren Hunden spazieren. Natürlich verändert sich bei solchen Temperaturen einiges. Man überlegt sich genauer, was man anzieht, wie lange man draußen bleibt und ob wirklich jeder Weg notwendig ist. Aber man lernt auch, dass Kälte nicht automatisch bedeutet, dass man sich monatelang im Haus verstecken muss.
Wir grillen beispielsweise auch bei minus 20 Grad draußen. Man muss nur schnell genug essen, sonst ist alles auf deinem Teller in kürzester Zeit gefroren. Was früher für uns völlig undenkbar gewesen wäre, ist inzwischen ein ganz normaler Teil unseres Winterlebens geworden. Mit warmer Kleidung, einem Feuer und etwas Heißem zu trinken lässt sich selbst ein eisiger Winterabend wunderbar genießen.
Allerdings haben wir auch gelernt, die Kälte niemals zu unterschätzen.
Denn bei minus 30 Grad können kleine Fehler schnell unangenehme Folgen haben. Wenn plötzlich kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt. Eine der größten Herausforderungen unseres ersten Winters im eigenen Haus waren tatsächlich unsere Wasserleitungen. Genauer gesagt der Weg der Rohre zu unserem Brunnen. Dieser liegt nämlich weiter außerhalb im Wald. Man lernt mit jedem Winter sein Haus besser kennen und kann Schwachstellen beheben.
Denn was passiert eigentlich, wenn es draußen über längere Zeit extrem kalt ist und eine Leitung nicht ausreichend vor Frost geschützt wurde?
Im schlimmsten Fall friert sie ein und genau das haben wir erlebt. In unserem ersten Winter hier oben hatten wir über Wochen kein fließendes Wasser. Was sich zunächst nach einem kleinen technischen Problem anhört, verändert den gesamten Alltag. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, morgens den Wasserhahn aufzudrehen, zu duschen, Wäsche zu waschen oder einfach die Toilettenspülung zu benutzen. Wasser muss organisiert, herangeschafft und eingeteilt werden. Gerade als vierköpfige Familie merkt man dabei ziemlich schnell, wie viel Wasser man im Alltag eigentlich benötigt.
Und wie selbstverständlich man es normalerweise verwendet.
Diese Erfahrung hat uns deutlich gemacht, dass das Leben in einem eigenen Haus im hohen Norden auch Verantwortung bedeutet. Wasserleitungen müssen ausreichend isoliert und frostgeschützt sein. Besonders gefährdet sind Leitungen in unbeheizten Bereichen, schlecht isolierten Wänden oder im Erdreich, wenn sie nicht tief genug liegen beziehungsweise nicht anderweitig vor Frost geschützt sind. In manchen Häusern werden deshalb zusätzliche Heizkabel verwendet, um gefährdete Leitungen vor dem Einfrieren zu bewahren.
Auch wer im Winter längere Zeit verreist, sollte unbedingt darauf achten, dass das Haus ausreichend beheizt bleibt und die Wasserversorgung entsprechend abgesichert ist. Denn eine eingefrorene Leitung ist nicht nur ärgerlich. Beim Auftauen können auch Schäden sichtbar werden, wenn Rohre durch die Eisbildung beschädigt wurden. Für uns war das jedenfalls eine Erfahrung, auf die wir gerne verzichtet hätten.
Schnee ist wunderschön, bis man ihn schaufeln muss
Es gibt kaum etwas Schöneres, als morgens aus dem Fenster zu schauen und festzustellen, dass über Nacht wieder frischer Schnee gefallen ist. Die Landschaft wirkt plötzlich wie verwandelt. Geräusche werden gedämpft, Wege verschwinden und alles liegt unter einer weißen Decke. Allerdings bleibt es nicht beim Anschauen. Denn Schnee bedeutet hier auch Arbeit. Einfahrten müssen freigeräumt, Wege geschaufelt und Eingänge zugänglich gehalten werden. Je nach Wetterlage kann das mehrmals hintereinander notwendig sein.
Dann gibt es noch die Schneeverwehungen.
Wenn kräftiger Wind auf lockeren Schnee trifft, können innerhalb kurzer Zeit große Schneeansammlungen entstehen. Manchmal liegt an einer Stelle kaum Schnee, während sich wenige Meter weiter eine beeindruckende Schneewehe auftürmt. Daher passiert es öfters, dass es zu Stromausfall kommt oder man eingeschneit ist. Auch Dächer dürfen nicht vergessen werden. Bei großen Schneelasten kann es notwendig werden, Schnee fachgerecht entfernen zu lassen. Wer hier ein eigenes Haus besitzt, sollte sich deshalb rechtzeitig überlegen, wie die Schneeräumung organisiert wird. Denn eines ist sicher: Der Winter wartet nicht darauf, dass man gerade Zeit und Lust hat.
Autofahren bei Schnee, Eis und extremer Kälte
Auch das Autofahren gehört zu den Dingen, auf die man sich im Norden einstellen muss. Schneebedeckte Straßen, Eis und schlechte Sicht sind während des Winters keine Seltenheit. Winterreifen sind deshalb unverzichtbar. In Schweden gelten dafür gesetzliche Vorgaben, und in Nordschweden gehören geeignete Reifen zur grundlegenden Winterausrüstung. Viele Schweden haben deshalb Spike Reifen. Wir haben sie bislang noch nicht, unser Allrad hat bisher immer gute Dienste getan. Erst einmal brauchten wir Schneeketten. Doch auch mit guten Reifen muss man sein Fahrverhalten anpassen. Mehr Abstand, längere Bremswege und vorausschauendes Fahren sind besonders wichtig. Fahrbahnen werden nicht geräumt, der Schnee wird fest gefahren, manchmal kommt Sand drauf.
Hinzu kommt, dass das Auto bei extremer Kälte selbst zum Problem werden kann. Batterien verlieren bei niedrigen Temperaturen an Leistungsfähigkeit, Scheiben frieren zu und nicht jedes Fahrzeug springt bei minus 30 Grad problemlos an. Deshalb nutzen viele Menschen im Norden Motorvorwärmer oder elektrische Standheizungen. Wer längere Strecken fährt, sollte außerdem warme Kleidung, eine Decke, ein geladenes Handy und eine kleine Notfallausrüstung dabeihaben. Gerade auf abgelegenen Straßen kann es dauern, bis Hilfe eintrifft.
Die Dunkelheit, ein Winter voller besonderem Licht
Neben der Kälte ist es vor allem das Licht, das den Winter in Nordschweden so besonders macht. Oder besser gesagt, das nicht vorhandene Licht. Während die Tage im Sommer unglaublich lang sind, wird es im Winter nur für wenige Stunden richtig hell. Wir haben hier meist von 10 bis 13 Uhr Tageslicht. Rund um die Wintersonnenwende steht die Sonne hier nur kurz über dem Horizont. Trotzdem verändert die Dunkelheit den Alltag deutlich. Morgens ist es dunkel, wenn die Kinder zur Schule gehen, und am Mittag beginnt bereits wieder die Dämmerung.
Was für manche Menschen bedrückend klingt, empfinden wir oft als unglaublich gemütlich.
Besonders lieben wir die sogenannte blaue Stunde. Wenn Schnee und Himmel in tiefes Blau getaucht werden und die letzten Sonnenstrahlen den Horizont rosa färben, entsteht eine Atmosphäre, die man kaum beschreiben kann. Natürlich kann die geringe Tageslichtmenge auch anstrengend sein. Besonders zu Beginn der dunklen Jahreszeit, wenn die Uhren umgestellt wurden. Dann braucht man immer ein paar Tage um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Es ist anders als man es aus de noch kennt. Ja da ist die Zeitumstellung auch nicht spurlos an einem vorbei gegangen, aber hier geht alles viel viel schneller. War es eigentlich eben noch Sommer mit fast 24 Stunden Licht, so sitzt man quasi von einer Woche auf die andere in 21 Stunden Dunkelheit. Es geht sooooo rasant das man selbst kaum mit kommt. Deshalb versuchen wir, möglichst viel von den hellen Stunden draußen zu verbringen und Bewegung und frische Luft in unseren Alltag einzubauen.
Nordlichter , wenn der Winterhimmel lebendig wird.
Dann gibt es diese Nächte, in denen man plötzlich alles stehen und liegen lässt. Weil draußen am Himmel ein grüner Schimmer auftaucht. Nordlichter gehören für uns zu den faszinierendsten Naturerscheinungen überhaupt. Auch wenn wir sie inzwischen regelmäßig erleben dürfen, haben sie nichts von ihrer Magie verloren. Manchmal zeigen sie sich nur als schwaches grünes Band am Horizont. An anderen Abenden tanzen sie in leuchtenden Vorhängen über den gesamten Himmel. Besonders beeindruckend ist es, wenn die Landschaft unter einer Schneedecke liegt und das grüne Licht darüber erscheint. Allerdings braucht man für die Beobachtung nicht nur Sonnenaktivität, sondern auch einen möglichst klaren Himmel. Genau daran scheitert es manchmal. Denn selbst die stärksten Polarlichter bleiben unsichtbar, wenn eine geschlossene Wolkendecke darüberliegt. So ist das eben mit der Natur: Sie hält sich nicht an unsere Wünsche.
Die richtige Kleidung entscheidet über das Wintererlebnis
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserem Leben im Norden ist, dass es bei Winterkleidung nicht nur auf die Dicke der Jacke ankommt. Viel entscheidender ist, wie man sich kleidet und die Qualität. Das kann bei einer ganzen Familie schonmal richtig teuer werden.
Das Zwiebelprinzip hat sich dabei für uns bewährt.
Direkt auf der Haut tragen wir möglichst Kleidung, die Feuchtigkeit ableitet, beispielsweise aus Merinowolle oder geeigneten Funktionsmaterialien. Darüber kommt eine isolierende Schicht und außen eine Jacke, die vor Wind, Schnee und Kälte schützt. Besonders wichtig sind warme Schuhe, Handschuhe und eine gute Kopfbedeckung. Denn kalte Füße können selbst den schönsten Winterspaziergang ziemlich schnell beenden. Auch die Kinder haben gelernt, wie wichtig passende Kleidung ist. Hier wird schließlich nicht bei jedem Schneefall das Leben angehalten. Draußen gespielt wird trotzdem, natürlich angepasst an Temperaturen, Wind und die jeweiligen Bedingungen. Bei extremer Kälte verkürzen wir Aufenthalte im Freien und achten besonders auf unbedeckte Haut.
Ein Haus im Norden braucht Vorbereitung
Wer in Nordschweden lebt, muss sich nicht nur selbst auf den Winter vorbereiten, sondern auch sein Zuhause. Dazu gehört, rechtzeitig zu überprüfen, ob Heizungen funktionieren, Wasserleitungen ausreichend geschützt sind und genügend Brennmaterial vorhanden ist, falls man mit Holz heizt. Auch Stromausfälle sollte man einkalkulieren. Denn wenn bei starkem Schneefall oder einem Wintersturm plötzlich der Strom ausfällt, kann das bei extremen Minusgraden schnell problematisch werden. Taschenlampen, geladene Powerbanks, ausreichend Trinkwasser und eine alternative Möglichkeit, sich warmzuhalten, können dann sehr hilfreich sein.
Wir haben inzwischen gelernt, dass Vorbereitung hier kein übertriebener Vorsichtsmaßstab ist. Sie gehört schlicht zum Leben dazu. Gerade die Erfahrung mit unseren eingefrorenen Wasserleitungen hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, solche Dinge ernst zu nehmen.
Warum wir diesen Winter trotzdem lieben
Nach all diesen Herausforderungen könnte man sich natürlich fragen, warum wir uns ausgerechnet für ein Leben in einer Region entschieden haben, in der der Winter so lang und kalt ist.
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach.
Weil wir ihn lieben.
Wir lieben die verschneiten Wälder, die klare Luft und die Stille, die sich über die Landschaft legt. Wir lieben es, draußen ein Feuer zu machen, während um uns herum der Schnee liegt. Wir lieben die Sterne, die Nordlichter und diese besonderen Wintertage, an denen die Sonne nur knapp über dem Horizont steht. Wir lieben es, dass die Jahreszeiten hier so deutlich spürbar sind.
Natürlich gibt es Tage, an denen wir vom Schneeschaufeln genug haben oder uns wünschen, dass eine Wasserleitung einfach nur eine Wasserleitung wäre. Aber selbst diese Erfahrungen gehören zu unserem Leben hier. Die Natur im hohen Norden ist eben nicht nur eine wunderschöne Kulisse ist. Sie bestimmt in vielen Bereichen unseren Alltag.
Der Winter in Swedish Lapland ist nicht immer bequem. Er ist manchmal anstrengend, manchmal unberechenbar und gelegentlich ziemlich gnadenlos. Aber er ist auch unglaublich schön und wenn wir abends vor unserem Haus stehen, umgeben von Schnee, während über uns die Nordlichter tanzen, dicke weiße Schneeflocken leise fallen und die Rentiere durch unseren Garten spazieren gehen, wissen wir wieder ganz genau, warum wir hier leben möchten.