Lappvik, ein Hofbesuch, der uns Nordschweden schmecken ließ
Es gibt diese Orte, bei denen man vorher ungefähr weiß, was einen erwartet und hinterher feststellt, dass man eigentlich etwas ganz anderes erlebt hat.
So ging es uns mit Lappvik.
Als wir an diesem Samstag zu dem kleinen Hof außerhalb von Lövånger fuhren, dachte ich ehrlich gesagt vor allem: Wir schauen uns Schafe an, erfahren ein bisschen etwas über den Hof und essen anschließend gemeinsam. Knapp zwei Stunden später saßen wir am Feuer, hielten heißen Kaffee in den Händen und hatten das Gefühl, gerade einen ziemlich besonderen Einblick in das Leben hier im Norden bekommen zu haben. Vielleicht war genau das, dass Schöne daran: Nichts fühlte sich nach einer für Besucher inszenierten Vorstellung an.
Ein kleiner Hof mit einer ziemlich großen Idee
Lappvik wird von Ola und Emelie Boström geführt. Auf dem Hof leben unter anderem Gute- und Finullschafe, zwei schwedische Schafrassen, die sich nicht nur optisch unterscheiden. Lappvik setzt bewusst auf eine kleine Landwirtschaft, bei der Tiere, Natur und Lebensmittel miteinander verbunden bleiben. Was das bedeutet, versteht man am besten, wenn man mit Ola zwischen seinen Schafen steht.
Er erzählte uns nicht einfach nur, welche Tiere hier leben. Er sprach darüber, wie sie gehalten werden, über die unterschiedlichen Rassen und darüber, wie wichtig es ihm ist, dass Menschen wieder eine Verbindung dazu bekommen, wo ihr Essen eigentlich herkommt.
Ein Gedanke, der bei uns tatsächlich hängen geblieben ist.
Denn Fleisch liegt heute meistens sauber verpackt in irgendeiner Kühltheke. Das Tier dahinter sieht man nicht mehr. Hier ist das anders. Bei Lappvik gibt es beispielsweise das Konzept „Lamm på rot“: Man kann ein bestimmtes Lamm reservieren, es während des Sommers auf dem Hof besuchen und verfolgen, wie es aufwächst. Im Herbst erhält man schließlich das Fleisch genau dieses Tieres, auf Wunsch gehört auch das Fell dazu.
Das mag im ersten Moment ungewohnt klingen. Gleichzeitig steckt darin eine Konsequenz, die ich spannend finde: Wer Fleisch isst, soll auch sehen dürfen und vielleicht sehen müssen, dass dieses Lebensmittel einmal ein Tier war. Nicht unangenehm dramatisiert. Einfach ehrlich.
Wenn plötzlich der Hütehund übernimmt
Besonders spannend wurde es für uns, als Ola uns zeigte, wie er mit seinen Schafen und dem Hütehund arbeitet. Eben standen die Tiere noch verteilt auf der Weide, kurz darauf setzte sich die ganze Gruppe in Bewegung. Dabei zu beobachten, wie fein die Zusammenarbeit zwischen Mensch, Hund und Schafen funktioniert, war beeindruckend. Nicht laut, nicht hektisch sondern vielmehr eine Mischung aus Konzentration, Erfahrung und ziemlich viel gegenseitigem Verständnis.
Ola beschreibt die Arbeit mit seinen Hütehunden selbst als wichtigen Bestandteil des Hofalltags. Die Hunde werden dort von Grund auf ausgebildet; Vertrauen und Präzision spielen dabei eine zentrale Rolle. Spätestens als man zwischen diesen zotteligen, gehörnten Gesichtern steht, versteht man sowieso, warum man hier problemlos länger bleiben könnte als geplant.
So schmeckt der Norden
Irgendwann standen wir vor einem Holzbrett voller kleiner Kostproben aus der Region. Darunter geräucherter Elch mit selbstgemachtem Honig und verschiedene selbstgemachten Fleisch Produkten.
Vielleicht gehört genau das für mich zu solchen Erlebnissen dazu. Nicht irgendwo etwas zu bestellen, ohne groß darüber nachzudenken, sondern zu wissen, wo man gerade ist, wer diese Lebensmittel hergestellt hat und welche Geschichte dahintersteckt.
Besonders der geräucherte Elch zusammen mit dem Honig ist mir im Gedächtnis geblieben. Eine Kombination, auf die ich selbst vermutlich niemals gekommen wäre und die erstaunlich gut funktioniert hat.
Danach wurde selbst gekocht.
Über einer offenen Feuerstelle standen unsere Pfannen, während Ola uns von einem Essen erzählte, das eng mit dem Leben und Arbeiten draußen verbunden ist: Kolbulle.
Der einfache Teig ließ sich mit wenigen Zutaten zubereiten und eignete sich deshalb gut für Menschen, die früher längere Zeit draußen arbeiteten. Ola erzählte uns, dass man ergänzen konnte, was Wald und Umgebung gerade hergaben. Unsere Kolbulle bekam Lammfleisch und Preiselbeeren. Für unsere vegetarische Tochter gab es eine Variante mit Kantarellen und Preiselbeeren.
Manchmal sind es tatsächlich die einfachsten Gerichte, die am besten schmecken. Da sitzt man draußen am Feuer, die Pfanne zischt, irgendwo stehen die Schafe, es riecht nach Rauch und Essen.
Kaffee. Aber bitte mit Ritual.
Nach dem Essen kam etwas, das in Nordschweden sowieso beinahe eine eigene Lebensmittelgruppe bildet:
Kaffee.
Auch der wurde über dem Feuer gekocht.
Ola zeigte uns dabei einen kleinen Handgriff, den ich vorher nicht kannte. Nachdem sich der Kaffeesatz, auf Schwedisch sump, gesetzt hat, wird zunächst etwas Kaffee in die Kåsa gegossen und anschließend wieder zurück in die Kanne. So landet der Kaffeesatz, der noch im Ausguss sitzt, wieder dort, wo er hingehört. Ein winziges Detail. Aber genau solche Details liebe ich.
Denn natürlich kann ich zu Hause einen Knopf an der Kaffeemaschine drücken und dreißig Sekunden später ist mein Kaffee fertig. Aber irgendwo draußen zu sitzen, eine warme Kåsa zwischen den Händen zu halten und Kaffee zu trinken, der gerade über dem Feuer gekocht wurde, fühlt sich einfach anders an. Nicht besser, weil alles Alte automatisch romantischer wäre. Nur bewusster. Langsamer.
Vielleicht ist genau das Lappvik
Als wir nach fast zwei Stunden wieder gingen, hatte ich nicht das Gefühl, eine touristische Attraktion besucht zu haben. Wir hatten jemanden kennengelernt.
Wir hatten seinen Schafen zugesehen, seinen Hund bei der Arbeit erlebt, Lebensmittel vom Hof probiert, gemeinsam am Feuer gekocht und Kaffee getrunken. Und währenddessen ziemlich viel darüber erfahren, wie Landwirtschaft im Kleinen funktionieren kann.
Lappvik beschreibt sich selbst als einen Ort, an dem Nachhaltigkeit nicht nachträglich hinzugefügt wird, sondern Teil des Alltags sein soll. Futter aus der Region, die Nutzung von Mist und Einstreu der eigenen Schafe für die Felder und eine möglichst direkte Verbindung zwischen Tier, Landschaft und Lebensmittel gehören zu diesem Ansatz.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der mir von unserem Besuch am meisten geblieben ist: Zu wissen, woher unser Essen kommt, verändert nicht unbedingt, was wir essen. Aber es verändert, wie wir darüber denken. Für mich war Lappvik deshalb kein Bauernhofbesuch, bei dem wir ein paar Schafe gestreichelt haben. Es waren zwei Stunden, in denen wir ein kleines Stück nordschwedischen Hof-Alltag kennenlernen durften.
Mit dreckigen Schuhen, Schafwolle, Rauch in den Klamotten, einer heißen Kåsa in der Hand.